Samstag, 16. April 2011

Alles Mais oder was? (3/3)

Die Entdeckung des synthetischen Stickstoffes veränderte alles (...) Alles Leben hängt vom Stickstoff ab; er ist der Baustein, aus dem die Natur Aminosäuren, Proteine und Nukleinsäure zusammenfügt; die genetische Information, die das Leben regelt und aufrechthält, ist mit Stickstofftinte geschrieben. (...) Aber der Vorrat an nutzbarem Stickstoff auf der Erde ist begrenzt. (...) Bis ein deutscher jüdischer Chemiker namens Fritz Haber 1909 herausfand, wie man dieses Kunststück hinkriegt. 
(...) Vaclav Smil, ein Geograf, (...) wies darauf hin, dass >>keine Möglichkeit gibt, Feldfrüchte und menschliche Körper ohne Stickstoff wachsen zu lassen <<. (...) Um 1900 erkanten schließlich europäische Wissenschaftler, dass wenn man keine Möglichkeit fände, diesen natürlich vorkommenden Stickstoff zu vermehren, das Wachstum der menschlichen Bevölkerung bald zu einem sehr schmerzhaften Stillstand kommen würde. (...) Er schätzt, dass heute zwei von je fünf Menschen auf der Erde nicht am Leben wären, wenn es Fritz Habers Erfindung nicht gäbe.
(...) Er (der Farmer; Anmerkung vom Postschreiber) konnte Fruchtbarkeit in einem Sack kaufen, Fruchtbarkeit, die ursprünglich vor einer Milliarde Jahren auf der anderen Seite des Globus produziert wurde. Befreit von der alten biologischen Beschränkung konnte die Farm jetzt nach industriellen Grundsätzen bewirtschaftet werden, als eine Fabrik, die Inputs von Rohmaterial - chemischem Dünger - in Outputs von Mais umwandelt. (...) Die Sticksstofffixierung ermöglichte der Nahrungskette, sich von der Logik der Biologie abzukehren und sich die Logik der Industrie zu eigen zu machen. Statt ausschließlich von der Sonne zu essen, begann die Menschheit jetzt Erdöl zu schlürfen.
(...) Mehr als die Hälfte des gesamten heute hergestellten synthetischen Stickstoffs wird für Mais verwendet, dessen Hybridsorten ihn besser nutzen kann als jede andere Pflanze. Das Anbauen von Mais, das aus einer biologischen Perspektive seit jeher ein Verfahren war, Sonnenlicht einzufangen, um es in Nahrung zu verwandeln, ist nicht in geringem Maße zu einem Verfahren geworden, fossile Brennstoffe in Nahrung umzuwandeln. (...) dass der Farmer, den Kunstdünger kaufen kann, keine Zwischenfrüchte mehr braucht, um eine Jahresgesamtmenge an Sonnenlicht einzufangen; er hat sich in eine neute Energiequelle eingestöpselt.
(...) Über die Hälfte des Weltvorrats an verwertbarem Stickstoff ist jetzt von Menschenhand gemacht. (...) Indem wir die Welt düngen, ändern wir die Zusammensetzung der Arten auf diesem Planeten und bringen seine biologische Vielfalt zum Schwinden.

(Quelle: Das Omnivoren-Dilemma, Wie sich die Industrie der Lebensmittel bemächtigte und warum Essen so kompliziert wurde. ISBN: 9783442219339)

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-gm- 

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