Dienstag, 1. Oktober 2013

WAS WERDEN DIE ANDEREN DENKEN?

Heute möchte ich über eine Begebenheit beim Friseuer berichten.

"Ich kenne Sie" sagt die Friseurin zu mir, "Ich habe auch eine Karte von Ihnen, gell?"
"Ja, ich weiß" sage ich zu ihr.
"Und wenn Sie das interessiert, dann können Sie einen Kurs in der VHS in Weissach besuchen. Dort kostet es nur 38,- Euro. Es ist ein Samstag!"

"Samstag habe ich keine Zeit. Da arbeite ich!"
"Nun, ist Ihnen ihre persönliche Entwicklung keine 38 Euro wert?"
"Wenn Sie mir meinen Ausfall bezahlen, dann komme ich!" sagt sie.
"Wieviel verlieren Sie durch den Ausfall?" frage ich sie. "10,20,30,50,100 Euro? Wieviel?"
"50 Euro" sagt sie.
"50 Euro + 38 Euro für den Kurs sind 88 Euro! Ist ihnen das nicht wert, damit sie ihr Leben angenehmer leben?"
"Mein Leben ist angenhem" sagt sie.
"Nun, ich sagte angenehmER!"
Sie lacht.
"Waren Sie noch nie in einer Situation, in der Sie Angst hatten etwas zu tun was anderen nicht gefallen würde?"
"Ständig" sagt sie.
"Und dann ist es es Ihnen nicht wert?"
"Die Zeit ist es mir nicht wert!"
"Dann ist der Schmerz nicht groß genug. Doch das Leiden ist da!" antworte ich.
"Ich habe keinen Schmerz!" sagt Sie.
"Sag ich ja. Doch das Leiden ist da! Wollen Sie nicht lernen wie sie ihr Leben ohne Angst leben. Sich nicht von anderen beeinflussen lassen?"
"Oh, ich habe keinen Angst. Meine Mutter hat mir beigebracht, dass ich nicht darauf hören soll was andere über mich sagen!"

ANMERKUNG: Ich überspringe jetzt den weiteren small talk und komme zum wesentlichen!

"Wie alt sind sie?" frage ich sie
"30, und sie?"
"Raten Sie mal?"
"38!" sagt sie
"Schmeichlerin" sage ich zu ihr, "also wie alt?"
"38!"
"Ist das jetz ihr Ernst?"
"Ja" sagt sie.
"Das hat bis jetzt noch keiner zu mir gesagt. Jetzt bleibt nur noch übrig, dass ich Sie frage, wann Sie mit mir Essen gehen wollen?"
"Oh, gar nicht" sagt sie.
"Und weshalb nicht?" frage ich sie.
"Weil mein Mann etwas dagegen haben wird?"
"Und weshalb ist Ihnen das wichtig?"
"Na, sowas macht man doch nicht? Mit einem wildfremden Mann Essen."
"Bringen Sie Ihren Mann mit" antworte ich.
"Ne, Ich weiß wo das endet."
"Wo denn?" frage ich sie.
"Na im Bett!"
"Wieso denken Sie so? Wieso glauben, Sie dass ich mit Ihnen ins Bett möchte. Es könnte doch für alle eine schöne Bekanntschaft werden, oder? Und wenn ich mit Ihnen ins Bett wöllte, würde ich es Ihnen sagen. Sie können meine Tochter sein! Also, was ist der Grund!"
"Eine verheiratete Frau macht sowas nicht. Und unsere Kultur verbietet es!"
"Sind Sie Italienerin?" frage ich sie.
"Nein, Türkin. Und deswegen verbietet es mir meine Kultur!"
"Ihre Kultur verbietet es Ihnen mit einem Mann essen zu gehen, und einfach quatschen? Ausserdem ist diese Diskussion entstanden, weil Sie mich so jung geschätzt haben. Es war ein Spaß. Ich bin 51! Ich könnt also Ihr Vater sein, vom Alter her!"
"51?" fragt sie erstaunt.
"Ja, 51. Also, ich verstehe Sie und respektiere Ihre Kultur. Doch ich frage nach dem WARUM. WARUM wollen Sie nicht?"



Eine Minute des Schweigens. Ein kurzes verschmitztes Lächeln.

"Wenn ich das jetzt sage werde ich mich widersprechen!" sagt sie und lacht!
"Sagen Sie es mir, und ich verspreche nichts zu sagen!"
"Und auch nicht zu lachen?!" sagt sie mehr fragend als sagend!
"Ja, ich lache auch nicht."

"WAS WERDEN DIE ANDEREN DENKEN?" sagt Sie.
"Hm" sage ich "das zum Thema 'ich habe keine Angst!'"

Sie nickt und schaut mich fragend und erwartungsvoll an, als ob sie auf das (Aus)lachen wartet.

Ich habe viele Menschen - und nicht nur junge - kennen gelernt die so denken, aufwachsen, konditioniert werden: "WAS WERDEN DIE ANDEREN DENKEN?" Und so leben sie nicht ihr eigenes Leben und lassen sich leben. Das Traurige dabei ist, dass sie das sehen, merken, darunter leiden und doch nichts daran ändern wollen. Weil sie buchstabentreu ihre Kultur und Glauben annehmen und umsetzen. Weil der Schmerz nicht groß genug ist. Wenn das Leid irgendwann mal nicht mehr auszuhalten ist, dann wird der Vulkan ausprechen. In welcher Weise auch immer!

(c) georg mouratidis
http://www.seiderdubist.de

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