Sonntag, 26. Februar 2012

Von den Eltern und den Lehrern vergessen?

Heute war ich mit einem Freund in einem Döner-Laden. Nach Jahren mal wieder. Wir betreten den Laden, nehmen zwie Kinder (12 und 15) mit einem erwachsenen Mann wahr. Der Junge lernt wohl Englisch mit diesem Mann. Ich vermute Nachhilfe. Das junge Mädchen sitzt an einem anderen Tisch und paukt wohl auch. Weiter schenke ich diesen drei menschen keine Bedeutung mehr. Ich bestelle Nummer 4. Dönner-Teller mit Pommes oder Reis und Salat. Wir dürfen uns setzten, denn der Mann hinter der Thecke wird uns das Essen an den Platz bringen. Sagt er. Ich bedanke mich auf Türkisch: "teşekkür ederim". Er antwortet mir auf Griechisch "παρακαλώ". Wir setzen uns an den Tisch und warten auf unser Essen.

Als wir uns hinsetzen spricht dieser eine Mann, der mit dem Jungen lernt, meinen Freund an, Offensichtlich kenne sie sich. Sie unterhalten sich.

Ich unterhalte mich mit dem Mädchen und frage sie was sie da lernt. Sie sagt mir Englisch und Französisch. Sie erzählt mir dass sie Englisch mehr mag als Französisch. Wir kommen ins Gespräch. Wie wenn wir uns lange kennen würden. Sie erzählt mir, dass ihre LehrerInnen ihnen Strafarbeit geben nur weil sie in der Klasse reden. "Man kann doch nicht jemandem eine Strafarebit geben nur weil man redet, oder?" fragt sie mich. "Ich möchte, dass diese Lehrer gerecht sind!". Ich frage sie was sie damit meint. Sie sagt mir:"Wissen Sie, wenn ein Streber im Unterricht spricht, dann gibt sie ihm keine Strafarbeit. Wenn Schüler die nicht so gut sind und sie reden im Unterricht, dann bestraft sie uns. Das ist doch nicht gerecht! Sie soll alle gleich bestrafen. Unsere Lehrer interessiert es nicht ob wir was lernen oder nicht. Sie pauken den Stoff runter und interessiren sich nicht ob wir etwas lernen oder nicht. Das macht doch so keine Spaß.". Ich frage sie ob sie einen Lehrer oder lehrerin hat die sie gern hat. Sie sagt mir "Ja, eine Lehrerin. Sie gibt sich Mühe uns etwas beizubringen und sie sorgt dafür, dass wir es auch verstehen. Und so macht es uns viel mehr Spaß. Bei den anderen Lehrern ist es so, dass sie es den anderen Lehrern im Lehrerzimmer weitererzählen. Und diese Lehrer sind voreingenommen und behandeln uns so. Sie geben sich keine Mühe uns etwas beizubringen. Meine Lehrerin fragt mich wie ich mich "bewerten" würde. Ich solle mir selber eine Note geben. Und wenn ich mir eine Note gebe, dann hat es eh keine Wirkung. Das interessiert sie nicht. Wieso fragen sie mich dann?".

Ich frage sie: "Macht dir deine Schule denn überhaupt Spaß?". Sie antwortet mir: "Nein!". Ich fragte sie, was den anders sein müsste, damit ihr die Schule Spaß macht? Sie antwortete mir, dass sie sich wünschen würde, wenn sie ernst genommen werden würde. "Wenn die Lehrer uns etwas beibringen und es ihnen aber Spaß machen würde. Die meisten Lehrer kommen doch nur in die Schule, reissen ihre Stunden runter und gehen wieder nach Hause. Und ich habe so viel Schulunterricht, dass ich keine Freizeit mehr habe. Ich bin erst 14 und werde in 2 Wochen 15. Ich möchte gerne auch mit meinen Freunden etwas unternehmen. Das kann ich aber nicht, da ich keine Freizeit mehr habe."

In der Zwischenzeit hat sich der Nachhilfelehrer verabschiedet, da er offensichtlich mit seiner Stunde fertig war. Ich fragte mich, wie kann jemand in einem Schnellrestaurant Nachhilfe geben. Wie kann ein Lehrer - ich habe mittlerweile erfahren, dass er Lehrer ist - es "dulden" oder unterstützen einem Kind in einem Schnellrestaurant Nachhilfe zu geben? Naja, dachte ich, das ist die Sache des Vaters.

Ich unterhielt mich mit dem Jungen. Fragte ihn wie er darüber denkt über das was die Schwester über die Schule sagt. Er bestätigt all das und sagte dann noch: "Ich möchte hier nicht Vokabeln lernen. Das macht so keinen Spaß.". Ich fragte ihn natürlich wie ihm den das Vokablen lernen Spaß machen würde? Er sagte mir, "wenn er mit seinen Freunden zusammen lernen dürfte. Und nicht alleine.". "Und weshalb machst du das nicht?" fragte ich ihn. "Ich darf es nicht" sagt er. "Meine Mutter verbietet es mir! Sie glaubt ich würde dann nicht lernen sondern mehr spielen."

ich unterhielt mich mit diesen Kindern bestimmt zwei Stunden lang. Sie erzählten mir über die Schule, über ihren Vater, die Mutter, die Oma und vieles mehr. Sie erzählten mir, dass sie sich von allen verlassen fühlen. Weder der Vater noch die Mutter hat Zeit für sie. Der Vater arbeitet jeden Tag in seinem kleinen Dönerladen, die Mutter von Montag bis Sonntag, sodass beide keine Zeit für sie haben. Die Eltern leben getrennt. Selbst die Oma, so erzählt mir das Mädchen kümmert sich nicht um die Enkelkinder. "Das ist doch für eine Oma nicht normal, oder?".

Ich gestehe, dass es den Kindern sichtlich gut tat mit jemandem über ihr Leben zu reden. Denn sie fühlen sich von allen "verlassen". Ich bedaure wirklich diese Kinder, denn sie werden nicht die einzigen sein um die sich weder Eltern noch Schule kümmern.

Ich könnte hier die kompletten zwei Stunden aufschreiben, doch das ist nciht meine Intension. Ich habe gerade an diese zwei Kinder gedacht und wollte es festhalten, weil es mich sehr traurig macht. Das Mädchen war nahe dran zu weinen. Ich sahe es in ihren Augen. Sie sagte mir: "Weder meine Eltern noch meine Lehrer haben jemals so mit mir gesprochen. Weder meine Eltern noch meine Lehrer hat es jemals interessiert was ich will und wie es mir geht!"

Ich wünschte mir so sehr, dass wir "ich, du, sie" uns ein bisschen mehr Zeit nehmen für unsere Mitmenschen. Wenn wir aufmerksam und mit offenen Augen durch die Welt gehen und Menschen unser Ohr leihen. Wenn wir aufmerksam sind und auch andere wahrnehmen. Es tut sowohl ihnen als auch uns so gut. Da bin ich mir ziemlich sicher!

In diesem Sinne
-gm-

Kommentare:

  1. Lieber Georg,
    es ist wahrlich besorgniserregend, wie das Arbeiten für mehr Wohlstand (oder inzwischen gar zur minimalen Lebenssicherung) unser Leben auffrist. Keine Zeit mehr für ein Miteinander.
    Da werden dann die Kinder möglichst schnell in die Kita abgeschoben. Weil man sich ja was mehr leisten will? Oder weil Frau sonst keine Karriere mehr machen kann? Es fängt also mit dem Interesse-an-den-Kindern-verlieren früh an. Viel zu früh, wie ich meine.
    Kita: Dieses ganze Bildungsgelaber ist zum Kotzen …
    Liebe Grüße
    Martin

    AntwortenLöschen
  2. Genau - den anderen wahrnehmen, sich auf ihn einlassen, ihm zuhören, ihm durch Fragen signalisieren, dass man ihn in seiner Art respektiert ... all das ist emphatisch, mitfühlend. Das kann man eher, wenn man seiner Identität sicher ist, wenn man Liebe erfahren hat, Vertrauen, Verlässlichkeit, ... ja, Geborgenheit ... bestenfalls im Elternhaus.. !

    Es ist genau das, was uns schlimmstenfalls in sehr jungen Jahren abhanden gekommen ist. Leider ...

    Woran das liegt? Ich lese gerade von Arno Gruen "Dem Leben entfremdet". Genial und verständlich geschrieben von dem alten, weisen Mann.
    Leider gerade herausgekommen und noch recht teuer (19.90).

    Ich will mal etwas polemisieren ab jetzt:
    Wenn wir heute erleben, dass junge Menschen UND alte Menschen "verschoben" werden sollen - die jungen sehr früh in die Kitas und "verlässlichen" Ganztagsschulen, die alten in Richtung Osten, dann zeigt das die Qualität unserer Gesellschaft und in welche Richtung es geht in Zukunft mit Riesenschritten. Das Thema ist sehr vielschichtig und sicher auch ohne Polemik zu beackern. Aber ich bin eben recht skeptisch (geworden) und so sehr ich auch gerne und mitfühlend diesen Blog von Dir, Georg, gelesen habe und ich auch hoffe, dass Deine Wünsche des letzten Absatzes bei vielen Gehör fänden, so sehr schwant mir, dass der Zug in eine entgegengesetzte Richtung fährt (was zu verhindern sein sollte).
    Zivilcourage und Offenheit im Sinne "ich weiß, dass ich nichts weiß" (also höre ich zu, hinterfrage, mache mir Gedanken, helfe dort, wo ich sehe, dass ich was bewirken kann, rede dann, wenn ich nachgedacht habe und nicht, weil ich an "Logorhoe" (Rededurchfall) ich hoffe, man schreibt es so, weil jetzt nicht mehr nachschaue ;-) ... Ja, das tut den anderen gut und auch einem selbst.

    Hier will ich mal enden.
    Tschüss
    Otto

    AntwortenLöschen
  3. Gründe ein Begegnungszentrum :) einen offnen Raum für Kids und Jugendliche. Zum Hausarbeiten machen. Vielleicht hat auch jemand noch nen alten Kicker den er euch sponsert...
    Ich versteh sehr gut, dass dich das sehr traurig macht...

    AntwortenLöschen
  4. WoW, danke für eure Beiträge.

    Das mit dem Begegnunszentrum ist eine gute Idee. Meinst du, wenn ich mal beim Bürgermeister anrufe, dass er mich dabei unterstützt? *lach

    AntwortenLöschen