Samstag, 7. Januar 2012

Eine altehrwürdige Debatte

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Man hat lange behauptet, wir Menschen empfänden von Natur aus Mitgefühl und Empathie, auch wenn wir gelegentlich bösartig reagierten. Leider sprechen die historischen Belege eine andere Sprache, und es gibt wenig fundierte wissenschaftliche Daten, die dem widersprechen könnten. Man kann es aber mit einem einfachen Gedankenexperiment versuchen. Stellen wir uns einmal die Anzahl der Möglichkeiten vor, die alle Menschen auf der ganzen Welt heute hätten, sich antisozial zu verhalten, zum Beispiel zu vergewaltigen, zu morden oder auch nur rücksichtslos und unehrlich zu sein. Setzen wir diese Zahl als Nenner unter einem Bruchstrich. Als Zähler nehmen wir die Anzahl der antisozialen Handlungen, die heute wirklich begangen werden.

Das Verhältnis von potentieller Bösartigkeit zu tatsächlicher Bösartigkeit wird an jedem beliebigen Tag gegen Null gehen. Und wenn man als Zähler die Anzahl der täglich vollbrachten guten Taten nimmt, dann ist das Verhältnis von Gut und Böse immer positive, selbst wenn die Nachrichten uns das Gegenteil vorgaukeln.

Das obige Gedankenexperiment hat Jerome Kagan von der Harvard University vorgeschlagen, um eine einfach Wahrheit über die menschliche Natur zu verdeutlichen: Die Summer der Gutartigkeit überweigt die Summe der Bösartigekein bei weitem.

>>Zwar ist im biologischen Erbe des Menschen die Fähigkeit zu Zorn, Eifersucht, Selbstsucht und Neid ebenso enthalten wie eine geiwsse Neigung zu Roheit, Aggression und Gewalt<<, schreibt Kagan. >>Aber der Mensch erbt eine weitaus stärkere biologische Neigung zu Freundlichkeit, Mitgefühl, Kooperationsbereitschaft, Liebe und Zuneigung, besonders gegenüber jenen, die in Not sind.<< Dieses angeborene ethische Gefühl, meint Kagan, sei ein >>biologisches Merkmal unserer Gattung<<.

Mit der Entdeckung, dass unsere neuronale Verschaltung so konstruiert ist, dass Empathie zu tätigem Mitgefühl füht, liefert die Neurowissenschaft der Philosophie einen Mechanismus, mit dem sich die Allgegenwärtigkeit des altruistischen Impulses belegen lässt. 

Anstatt abwertende Erklärungen für selbstloses Handeln zu suchen, sollten die Philosophen sich vielleicht mit dem Rätsel beschäftigen, weshalb grausame Handlungen im Grunde ziemlich selten sind.

Quelle: Soziale Intelligenz von Daniel Goleman

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-gm- 

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